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10. Etappe Krasnojarsk - Irkutsk

von Uwe Meißner

10. Etappe Krasnojarsk – Irkutsk

Ich beginne meinen Bericht heute mit einem Stimmungsbild: Ich fahre ueber Berg und Tal durch an der Trasse gelegene sibirische Doerfer, von wo aus mich die Dorfbevoelkerung gruesst oder mit mir spricht. Den Lebensmittel verkaufenden  Frauen am Strassenrand kann ich nur gelegentlich ein Glas Blaubeeren ode ein paar Aprikosen abnehmen, das, was ich sofort verbrauchen kann. Am Ortsausgang jagen mir die Dorfkoeter hinterher, nur schnelles Reagieren und drohende Gesten bewahren mich vor deren Attacken. Die Sonne scheint jetzt, im August, nicht mehr so aggressiv, der (Gegen)wind hat nachgelassen, die laestige Riesenfliege Pauty und die kleinen Maschkistechfliegen sind der harmlosen, vertrauten Hausfliege gewichen. Die Luft ist irgendwie weicher, die Farben verschwimmen ineinander. Und auch ich fuehle mich assimiliert. - Wenn nur der von Menschen durch Braende verursachte Rauch nicht waere, der dem ganzen eine kranke Note verleiht und die Qualitaet der Fotos beintraechtigt…

In Krasnojarsk spuere ich das letzte Mal, doch dafuer mit ganzer Macht, die geballte Kraft der russischen Moderne, den Erneuerungswillen und die Potenzen, die in diesem Land stecken. An allen Ecken und Enden wird gebaut, Neues entsteht neben Altem, die schlechten Magistralen am Rande der Stadt sind hoffnungslos ueberlastet, den Verkehr regelnde Polizisten setzen sich nur Kraft eines aus Sowjetzeiten immer noch nachwirkenden Obrigkeitsdenkens durch (doch die selbst um ihr Leibeswohl unbesorgten hooliganisierenden Halbstarken kriegen auch sie nicht in den Griff), in den Hypermaerkten findet man sich nur noch mit Wegweiser zurecht – ich fange gar nicht erst an nach dem kostenguenstigsten Angebot fuer neue Sandalen zu suchen, frage einfach Leute. Die neuen Wohngebiete, die am Rand der Stadt entstehen oder schon bestehen, unterscheiden sich in Anlage und Ausstattung kaum noch von unseren. Der mittlere Verdienst in der Stadt soll 1000 Dollar betragen. Davon laesst sich schon vieles bestreiten.

Natuerlich gibt es auch weniger bevorteilte Wohngebiete in den Grossstaedten. Die Lage in den Kleinstaedten und Doerfern scheint wesentlich von der Initiative der Anwohner bzw. den durch die Lokalpolitiker bereitgestellten finanziellen Ressourcen abzuhaengen. Kansk, mir aus dem Geografieunterricht als eines der Zentren der Papierherstellung bekannt, macht nach der Schliessung fast saemtlicher Industrieanlagen einen erbaermlichen Eindruck. Noch im Nachhinein beschleicht mich ein schlechtes Gewissen, wenn ich an meine Verhandlungstaktik mit den TV-Berichterstattern denke, die mich interviewen wollten. Schon in Selenogorsk, einer fuer Nichtortsansaessige “verbotenen Stadt”, in die mich ein inzwischen befreundeter Biker ueber Schleichwege manoevriert hatte, war das mit Neuigkeiten nicht gerade gesegnete Staedtchen mit seinen Medien (Zeitung, TV) ueber mich hergefallen. Im Gegenzug wollte man die Uebernachtungskosten tragen. Fuer Kansk war das gleiche vereinbart. Letztlich hatte es den leitenden Journalisten nur einen Anruf bei einem befreundeten Hotelier gekostet, doch zunaechst wollte man nichts von einer Uebereinkunft wissen. Konnte es sein, dass der Journalist, patriotisch gesinnt, an die leere Stadtkasse gedacht hatte, in die nach der von mir bezahlten Uebernachtung wenigstens ein paar Abgaben fliessen wuerden?

In dem Hotel, das von seinem graumelierten Besitzer Walentin Nikolajewitsch als “Nebenprodukt” einer mit Landwirtschaftsmaschinen handelnden Firma betrieben wird, bin ich dann aber nach Strich und Faden, wie ein kleines Sternchen, verwoehnt worden. Das war auch noetig, denn an meinem Berliner-Manufaktur-Fahrrad machte sich die erste Acht bemerkbar; beim Einbau des auf dem  Rynok (Markt) von hilfreichen Haenden zentrierten Hinterrades zerbrach mir die Achse, sodass ich einen weiteren Tag in Kansk verbrachte. Undenkbar in Deutschland: die Besitzerin des Fahrradgeschaeftes schloss fuer ein paar Minuten ihren Laden, um mich zu dem versierten Alten mit der Werkstatt auf dem Markt zu bringen. Hinterher lud man mich zu Tee und Gebaeck in den Aufenthaltsraum des Geschaeftes ein, waehrend vorn weiterverkauft wurde. Es geht eben alles ein bisschen menschlicher in dem vom Kapitalismus noch nicht bis ins letzte Glied geknebelten Land/Sibirien vor sich.

Auch der naechste Hotelwirt an der Trasse, ein kleiner, gefaerbter Dickbauechiger, bei uns wahrscheinlich zum hoffnungslosen Lebemann mit junger Frau und frischem Nachwuchs verkommen, erwies sich als weitherzige Seele, obwohl er noch nicht die Landesgrenzen verlassen hatte. Fast unmittelbar nach meiner Ankunft schickte er sich an kostenlos die Banja fuer mich zu heizen; mein Fahrrad schloss er aus Mangel an Gelegenheit bei sich im Buero ein und am naechsten Morgen erschien er extra frueher, damit ich ohne Verzoegerung weiter konnte.

Waehrend dieser Etappe, besonders zwischen Tayshet und Nishneudinsk, erhielt ich einen Vorgeschmack auf die fehlenden Versorgungspunkte entlang der Trasse. Auf 160 km gab es nur (bei km 70) eine Raststaette. Ihr koennt euch vorstellen, wie ich dort zugeschlagen habe. Autoreisende und Verkaufspersonal reagieren dann immer etwas unglaeubig, mustern mich wie einen Ausserirdischen, bis sie mein Fahrrad entdecken.

In Sima - zu deutsch: Winter - waren im Hotel alle Plaetze belegt. Meine die russische Mentalitaet und Sprache nicht beherrschenden Radfahrerkollegen (auf diesem Abschnitt traf ich Will aus England, der, zeitlich unbegrenzt, arbeitet, wenn ihm das Geld ausgegangen ist) wuerden jetzt weiter fahren, den Koerper und die Seele strapazieren, an die Substanz gehen. Ich bleibe. Bis der Wirt von alleine zu sprechen anfaengt: “Na ich koennte ja mal mit der Familie sprechen, die 2 Zimmer bewohnt, obwohl  4 Betten in dem einen Zimmer vorhanden sind.” Und was Wunder, die Chabarowsker raeumen, obwohl nur durch eine duenne Glastuer getrennt, das geraeumigere Vorderzimmer und schraenken sich lautlos ein. Die Frau ermahnt die Kinder, leise zu sein, nicht zu stoeren. Ein warmer Hauch von Erinnerung streift mein Gemuet: Ja, so sind wir mal erzogen worden…

Im Haus wohnen noch in meinem Land integrierte Deutschrussen auf Heimaturlaub, die sofort mit mir  ein offenes Gespraech beginnen und mir fuer die Rueckreise bie den Eltern in Krasnojarsk Quartier anbieten. Ich schuettele laechelnd den Kopf. Der russische Winter mag ja seine Reize haben, aber nicht fuer Radfahrer.

-          Im naechsten Kapitel schreibe ich u.a. etwas zu verhaengnisvollen Gemeinsamkeiten De/Ru und dazu, warum man hier keinen TUEF einfuehren koennte.

Fotos wie immer auf: traveldiary.de/Reiseblogs/Asien    

 

8. Etappe Omsk – Nowosibirsk

 

Sonne, Gegenwind. Viele Kilometer nichts, wo man anhalten koennte. Tut man’s, faellt die saugende Riesenfliege Pauty oder die in Augen und Gehoergaenge gehende, nicht minder gierige Maschkifliege ueber einen her. Ein schnelles Foto, ein Schluck aus der Flasche und weiter, dem permanenten Druck des Windes mit Kraft und Willen paroli geboten. Nur der Zugwind der vorbeirauschenden Lkw befreit fuer kurze Zeit von der Last, staendig Motor sein zu muessen. Es ist zum Auflachen: Wegen ihres Fahrverhaltens und der Abgase oft von mir verflucht, koennen sie mich jetzt nicht knapp genug ueberholen, um den Sogeffekt moeglichst lange auszukosten.

Unterwegs treffe ich einen Schweizer, Michael. Er will mit seinem leichteren Rennrad in einem Monat von Wladiwostok nach Archangelsk ueber 10000 km. Jeden Tag 250 km – Wahnsinn! Ohne Sprachkenntnisse, sitzt er nur im Sattel. Das Zelten hat er aufgegeben. “Ein bisschen Komfort muss sein, Dusche, Bett.” - Meine Rede!

 “Wenn man nur nicht so abgezockt wuerde.” Die Hoteladministratoren nehmen von ihm oft 40 Euro “fuer null Komfort.” Ich sage: “Gestern ist es mir auch so gegangen.  Nur im ganzen zu mietende 2-Bett-Zimmer, die eigentlich extra zu bezahlende Dusche auf dem Hof konnte ich vom Preis absetzen, weil sie, nach europaeischem Standard, inbegriffen sein sollte. Der gegen Infektionen oder Rutschgefahr unterzulegende Lattenrost schmierig, dass man sich die Infektionen durch Anfassen woanders holen konnte.” – Das ist es, was mich aergert: Da werden auf der einen Seite “auf Deibel komm raus” die Preise (nicht nur fuer Dienstleistungen) auf europaeisches Niveau getrimmt ohne das Aequivalent dafuer, die Leistung, zu bieten. Da wird einem, in einem anderem Hotel, das Doppelzimmer zum zweifachen Preis vermietet mit dem Hinweis sonst jemanden reinzusetzen (eine in Russland uebliche Praxis, pro Bett zu vermieten), obwohl weitere Zimmer frei sind. Schlimmer noch: wegen Baumassnahmen soll ich mich im Handwaschbecken des Gastraumes waschen. Die Toilette, nur ueber den von Baufahrzeugen zerfurchten Acker zu erreichen, ist ein in den Beton gehacktes Loch. Aber die Bauarbeiter duerfen die Dusche und WC benutzen. Ich beschwere mich. “Na gut, weil Sie es sind…” Goennerhaft schaltet man den Pumpengenerator an. Nachts wecken mich Baugeraeusche. Durch die schlecht oder gar nicht isolierten Waende dringt jedes Geraeusch. Ich mache einen Aufstand, verbitte mir um diese Zeit Bautaetigkeit. Man beleidigt mich, doch das Gerumpel hoert auf. Die  Fenster in dem stickigen Zimmer kann ich nicht oeffnen, weil die Mueckengitter fehlen. Aber volle Preise nehmen!

In einem anderen Hotel, weit und breit nur Pampa, sagt man mir, dass man nur Gaeste mit russischem Pass aufnimmt. Ich weigere mich, im Dunkeln weiterzufahren. Die Administratorin, eine Russlanddeutsche, schreibt mich trotz der Anweisung auf ihren Pass ein.

Fast habe ich das Gefuehl, dass man in dieser Gegend Auslaender nicht besonders mag, doch dann treffe ich wieder auf solche Leute wie die Wirte vom “Dalnoboischtschik” (“Fernfahrer”), die mich auf Kosten des Hauses bewirten und neugierig befragen.

Auch Sergej, mein neuer Gastgeber von “couchsurfing”, ist ein Prachtkerl, stellt mir seine Wohnung samt Waschmaschine, PC und Wohnungsschluessel zur Verfuegung; macht sich Gedanken darueber, wie er mir die Zeit in seiner Stadt moeglichst angenehm  gestalten koennte und aeussert sich vorsichtig ueber sein sich wandelndes Deutschlandbild: “Die letzten Gaeste, ein paar jugendliche deutsche Tramper, wollten nur die ganze Zeit schlafen. Da war nicht viel mit Kultur…”

Und  das Dienstpersonal  von der Raststaette “Aktin”, 90 km vor Novosibirsk, beweist, dass die Lage an der Ost-West-Trasse mit dem erhoehten Kundendurchlauf nicht zwangslaeufig zu Gleichgueltigkeit und Geldgier fuehren muss. Freundlich zu denen, die sich zu benehmen wissen, abweisend zu den Anmassenden oder Ungehobelten, bereit zu Kompromissen, wo es erforderlich ist (z.B. bei meiner Fahrradunterbringung), sind sie noch nicht zu Automaten mutiert. Als das Kuechenkollektiv zusammen mit dem Hotelpersonal im gut gefuehrten Gastraum zum Geburtstag einer Kollegin eine Torte anschneidet, wuensche ich den Frauen “alles Gute zum Geburtstag.” Sie haben es sich verdient.

Bemerkung: Antwort (mail) bekommt Ihr ueber die Rubrik "Kontakt", nicht das "Gaestebuch". Das haengt mit dem Verwaltungsaufwand zusammen, liebe Freunde. Neue Fotos wieder bei: traveldiary.de unter der Rubrik: Asien/Blog

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