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2. Etappe - Ukraine bis Tschernigow

von Uwe Meißner

Zuerst möchte ich mich bei Euch allen bedanken, die sich im Gästebuch verewigt haben. Wer eine Antwort bekommen möchte, sollte aber uebers "Kontaktformular" gehen, da mir darüber Mails zugestellt werden, die ich natürlich beantworte.//At first I want to thank for writing your information in "Gästebuch". If you want to get an answer, please contact me via "Kontaktformular".

Wovon ist diese 2. Etappe besonders geprägt? Von unendlich langen Tagestouren (bis 170 km am Tag) mit und ohne Rückenwind, überwiegend aber mit; von Zerfallserscheinungen; von Gastfreundschaft bis zur Selbstverleugnung; auch großer Offenheit.

Russland 2013/Photos/Ukraine/Auch die Ukrainer troesten sich mit ihrem GlaubenWie froh war ich, als ich mit meinem Fahrrad an der viele Kilometer langen Warteschlange der LKW und einzuführenden PKW (schließlich möchte der Zoll von der Einfuhr profitieren, und nicht zu knapp) vorbei bis zur Grenze rollen konnte. Ich erhielt einen ersten Eindruck einerseits von der unendlichen Leidensfähigkeit, der die Einheimischen (Berufskraftfahrer in dem Fall) ausgesetzt sind, denn die Wartezeit betrug oft 24 Stunden für sie; andererseits von der Willkür eines Apparates, in dem die Interessen des Individuums hintangestellt werden. Ein erstes Mal regte sich mein Mitgefühl. "Fahrräder dürfen bei Dorohusk nicht über die Grenze" - ich bekam einen Schreck - "aber so wichtig bist du nicht. Wir müssen dich bloß einem PKW zuordnen, mit dem du dann über die Grenze rollst." Ich atmete auf, auch wenn ich's nicht verstand. Mit der Autobahn nahm's der Gesetzgeber hier auch nicht so genau. Solange du nur am rechten Rand fährst, hupt nicht mal einer. Ein anderes Ding ist schon, dass mitunter mit sträflich geringem Abstand überholt wird bzw. die Überholenden der Gegenseite dich nicht beachten, weswegen ich meinen Kopf zur Beobachtung immer oben behalte.

In Kovel landete ich das erste Mal im staatlichen Hotel. Vorteile: zentral gelegen, den Charme besserer (sowjetischer) Zeiten atmend, wenn man dem etwas abgewinnen kann (ich kann), nicht teuer; Nachteile: schlechter Zustand bis zur Irreparabilität und damit verbundene Einbußen an Komfort. So musste ich z.B. beim Duschen das warme Wasser 5 Minuten laufen, ehe es handwarm spärlich herauskam. Aber die (vorhandenen) Mo- und Hotels neueren Typs, die tw. direkt an der Trasse nach Kiew lagen, reizten mich nicht, ich wollte, auch wenn es ein paar Kilometer kostete, die Atmosphäre der Orte spüren, wo ich mich niederließ.

Sarni, eine Kleinstadt, erschütterte mich. Die Neubauten, die einmal der Stolz der Gesellschaft warRussland 2013//Ukraine/Mein erstes Schaschliken, weil sie jeder Familie ihren eigenen Wohnraum gewährten, waren in einem Zustand wie die Zeugnisse menschlicher Kultur "50 Jahre nach den Menschen" (bei "Phoenix"). Die Administratorin des aus öffentlichen Mitteln bestrittenen Hotels des Ortes drückte ihre nicht unbegründeten Befürchtungen mit den Worten aus: "Bald sind wir alle Bettler." Die Boulevardstraße war in einem elenden Zustand, die Wegeinfassungen teils weggebrochen. Abends erleuchteten nur einige private Geschäfte die Straße. Dafür existierte ein Supermarkt, der wie im Westen ausgestattet war und alles kompensieren musste. Vor der Alkohol- und Zigarettenabteilung tummelten sich die Jugendlichen. Leider war ich wieder mal zu spät in den Ort eingefahren , um das - für mich immer noch beeindruckend vorhandene - Straßenleben zu dokumentieren. (Darüber, also etwas Positives) schreibe ich in einem späteren Bericht.)

Als ich in Korosten nach unendlich langen 160 km gegen den Wind im Restaurant die erfolgreiche Tagesetappe mit einem Bierchen begießen wollte, scharte sich das jugendliche Bedienpersonal um mich. (Ich war der einzige Gast, und dann noch ein Ausländer.) Die jungen Menschen erzählten mit erstaunlicher Offenheit von ihrem Leben, ihren Plänen, dass ich dachte: 'Welcher Jugendliche in unserem Land würde sich so freimütig einem alten Sack offenbaren!'

Vor Kiew war die erste planmäßig angesteuerte Station auf dem Weg. Hier waren mir durch die hilfsbereite Nadja (eine Schülermutter) Freunde vermittelt worden, die mich bei sich aufnehmen wollten. Sofort wurde das Wohnzimmer des Hauses frei gemacht, dass man den Eindruck bekam, sie zogen sich aus ihrer Privatsphäre in ein Dienstverhältnis zRussland 2013//Ukraine/Maschine braucht Menschurück, nur darauf bedacht, deinen nächsten Wunsch zu erfüllen. Und dabei hatte Lena, die Hausherrin, am nächsten Tag, dem 1. Mai, Geburtstag. "Leider musst du deswegen allein nach Kiew fahren, deinen Ruhetag verbringen, ansonsten würden Witali (ihr Mann) und ich dir Kiew zeigen." Essen, trinken, alles stand bereit, mit Liebe zubereitet und schmackhaft.

Den Maifeiertag verbrachte ich fotografierend in der ukrainischen Hauptstadt, die sich wenig von unserer Hauptstadt unterscheidet: hier konzentrieren sich Menschen und Finanzen, es ist bunt, teurer, hektischer. Die Menschen gehen zum 1. Mai immer noch auf die Straße, nicht mehr so zahlreich, dafür sieht man aber auch unterschiedliche Interessengruppierungen. Na, unterscheidet sich das von den Maifeierlichkeiten bei uns?

Bis zum nächsten Mal. Euer Uwe

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