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3. Etappe von Tschernigow (Ukraine) nach Moskau (Russland)

von Uwe Meißner

Die Ukraine lebt nach außen sichtbar durch das Hochhalten der Erinnerung an ihre (überwiegend militärischen) Helden und gewonnenen Schlachten, insbesondere den Sieg über den Faschismus; der Betonung der nationalen Eigenständigkeit und die neu gewonnene Religiosität. Das wird farbenprächtig ausgeschmückt und mit Blumen drapiert, die überall, künstlich oder natürlich, meinen Weg begleitet haben. Mit den frisch gestrichenen Häusern, Zäunen und Trottoirkanten wird aber auch nur notdürftig die Bedürftigkeit verdeckt. Das Land schreit nach Erneuerung von innen her, nach nicht sichtbarer Investition. Oder es fällt (mit Ausnahme der Hauptstadt) in einen vorsozialistischen Agrarstatus zurück. Denn ganze Familien beackern mit Hand fleißig die fruchtbare Erde, sicher in Ermangelung technischer Ausrüstung.

Die rechtsgläubigen Kirchen sind eine Augenweide, der Andrang vor ihnen groß, selbst Bettler lassen sich da nieder. Das seit der "orangenen" Revolution angefachte Nationalbewusstsein ist für mich formelhaft erstarrt in Erscheinung getreten: in den überdimensionalen Plakaten des Präsidenten Janukowitsch, der "für unsere Ukraine" wirbt, während im Hintergrund Geschäfte verfallen; oder im Umbenennungswahn der alten Straßennamen, der den Ostdeutschen gut bekannt sein müsste. So habe ich die Freunde in Irpen nur durch die Befragung der Einheimischen gefunden, sie selbst wussten noch nicht mal, dass ihre Straße nicht mehr "Sowjetskaja" heißt.

In Anbetracht dessen ist meine Hochachtung für die Menschen hier außerordentlich groß, die nicht nur tapfer das entbehrungsreiche Leben ertragen, sondern darüber hinaus die Ideale eines zivilisierten Mitteleuropäers hochhalten, wenn sie mir stolz die schönen Plätze ihrer Stadt zeigen oder den wohl erzogenen 27jaehrigen Sohn dazu anhalten, mir alles Wissenswerte über Tschernigow mitzuteilen. Wie wenig gegen ihre Gastfreundschaft und Aufopferungsbereitschaft kann der von mir anschließend vorgeschlagene Kaffeehausbesuch dagegen aufwiegen…

In Russland ist alles ein bisschen größer, weniger zugekleistert, legerer. Das Land hat ein eigenes Selbstbewusstsein, das es scheinbar nicht nur aus seiner Größe zieht. Die Potenzen des Landes sind gewaltig. Das habe ich besonders bei der Einfahrt nach Moskau bemerkt. Doch dazu später.

In Starodub, der Stadt der guten Menschen, wie sie sich selbst nennt, erkannten mich Grenzer wieder und baten mich einen Moment zu warten. Kurz darauf erschien eine Lokalreporterin, um Material für die Lokalzeitung zusammenzustellen. Kurz zuvor hatten mir russische Monteure in ihrer Werkstatt ohne zu zögern kostenlos erste Schützenhilfe geleistet und mich das gute Brjansker Bier Verkostern lassen. Das war ein Empfang! Mit neuen Kräften versorgt, rollte ich gegen den Wind, der mir bisher meist gnädig gestimmt ist, aus und kämpfte mich in 2 Etappen bis Brjansk vor, der ersten russischen Großstadt. Dort erwarteten mich wieder Freunde Nadjas (ukrainische Schülermutter aus Berlin). Anatoli, eine Seele von Mensch, und seine Frau Walja zeigten mir die durch den Weltkrieg ihrer traditionellen Bauten beraubte Stadt. Allrussische Denkmäler wie das von A. Tolstoi oder das im stalinschen klassizistischen Stil errichtete dramatische Theater sollten das Defizit ersetzen. Als ich fragte, wie sie einem Deutschen nach dem Geschehenen so viel Aufmerksamkeit entgegenbringen könnten, winkte Toli mit den Worten "das war früher" nur ab.

Den Tag des Sieges (9. Mai), der im ganzen Land gefeiert wird, verbrachte ich im Schweiße meines Angesichts auf katastrophalen russischen Nebenstraßen. Verständlich, dass ich eine einladende Versorgungsoase mit Wasseranbindung (See) linkerhand des Weges zum Anlass nahm, auszuscheren. Nach dem herrlichen Bad saß ich mit meinem Essen allein am Tisch, aber nicht lange. Eine Kompanie fröhlich Alkoholisierter lud mich zu sich, so dass ich nach 3 Stunden leicht benebelt, doch angeregt wieder aufs Fahrrad stieg.

150 km vor Moskau wurden die Straßen gut. Vorher bin ich trotz hervorragender Windverhältnisse immer wieder durch das Herausspringen meiner vorderen Gepäcktaschen, die für solche "groben" Straßen einfach nicht gemacht sind, vom zügigen Fahren abgehalten worden. Um mit den Worten eines ansässig gewordenen Armeniers zu kokettieren: Es herrscht "Bardak" auf den Straßen, was so viel wie Unordnung bedeutet. Noch drastischer formulierte das Sascha, ein bodenständiger Wirt eines Bistros: Wenn ich wieder einmal nach Österreich komme, möge ich doch bitte einen Blumenstrauß an Hitlers Grab niederlegen, der doch wenigstens für Ordnung gesorgt habe. Hier im Lande hätten der Jude Putin und Konsorten den Reichtum unter sich verteilt, das Volk habe nichts davon.

In Moskau einzurollen ist ein überwältigendes Erlebnis. Hinter vielstöckigen Häusern türmen sich gigantische moderne Neubauten; dazu ist alles grosszuegig angelegt, Platz dazwischen. Der Leninskij Prospekt erstreckt sich über viele Kilometer, flankiert von riesigen Magasinen (Geschäften). Man ahnt die Potenzen des Landes, doch werden Menschen in der Lage sein, sie zu bündeln.

Die mir von Anatoli ausgedruckte Adresse weiterer Freunde finde ich auf Anhieb. Ich bin glücklich, die Hauptstadt des Riesenreiches erreicht zu haben.

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