Diese Website verwendet zur Verbesserung der Funktionalität Cookies!

 

4. Etappe Moskau - Kasan

von Uwe Meißner

4. Etappe Moskau – Kasan

Eine technische Bemerkung vorangestellt: aktuelle Fotos der letzten beiden Etappen zur Zeit nur auf: traveldiary.de unter: reiseblogs (asien) gucken

 Die naechsten 1000 km sind geschafft (Stand jetzt: 3484 km). Ich bin in Kasan, der Hauptstadt von Tatarstan. – Warum sage ich das: “geschafft”?

Weil es sich zum Schluss gezogen hat. Endlose, oft kilometerlange Anstiege seit Nishnij Nowgorod, Gegenwind, der einen bergab zum Hochschalten zwingt, Autofahrer, die einen – Erfuellung einer Prophezeiung – als laestig empfinden und von der Fahrbahn draengen – bei unguenstigen Strassenverhaeltnissen mit zusaetzlichem Aerger verbunden.

Ich sage das auch, weil nach den ersten zweieinhalb Tausend wie im Fluge endlich Ernuechterung eingetreten ist. Russland ist nicht im Sturm zu nehmen. Das Land ist zu gross, die Verhaeltnisse, auch die Menschen, nicht so einfach zu besimmen. Ohne die Hilfe anderer ist es richtig schwer. Doch der Reihe nach.

In Moskau, dem Zentrum des Riesenreiches, war ich bei Swetlana und Oleg in der Mala Tulskaja gut aufgehoben. Von dort aus waren es 30 Fussminuten bis zum Kreml. Aber dorthin wollten sie nicht mit mir; lieber in die Parks, zu den Kloestern Danilowskij Monastyr und Kolomenskoje, zwischen denen ihre Wohnung  liegt und mit denen Moskau reich bestueckt ist. Man will es nicht glauben: Selbst in diesem Moloch, wo sich nach Olegs Worten unbeliebte Auslaender (hier Usbeken, Tadshiken, Aserbaidshaner usw., die in Kellern und Muellcontainerraeumen der Wohnhaeuser ein warmes Dach ueberm Kopf suchen, weil sie hier auf mehr Einkuenfte als in der Heimat hoffen) und Junkies aufhalten, selbst in dieser Megapolis also gibt es nicht wenige Glaeubige, die ihre Popen verehren und der Kirche z.B. zu Ostern Lebensmittelabgaben leisten. Ein Glaeschen Alkohol indessen erleichtert das Leben der Moskauer, die ihrer nicht ueberteuerten Wege gehen und durch Kenntnis der Gegebenheiten wie zu Sowjetzeiten einen Friseur fuer 1,50 Euro in Anspruch nehmen koennen.

Im morgendlichen Berufsverkehr dem Moloch entronnen, traf ich 50 km hinter der Stadt auf Waleri. Sein Rad, behaengt mit an Draehten fixierten Eimern, mit Einkaufstaschen und schlackerndem Tretlager, war mit ihm nicht in den Vorstadtgarten unterwegs, sondern von Smolensk nach Irkutsk am Baikal ueber 5000 km. Er wolle dort ueberwintern, als Reinigungdkraft arbeiten, Hauptsache ein Dach ueber dem Kopf. Familie hatte er nicht, niemanden, der auf ihn wartete. Aber seine Augen leuchteten. An dieser Stelle begriff ich, wie privilegiert ich war: Fahrrad und Ausruestung komplett, Geld auf der Karte  (Waleri hatte 50 Cent), zu Hause jemanden, der auf mich wartet und gesellschaftliche Anteilnahme, den Auftrag, ueber meine Erfahrungen zu berichten. Waehrend er nachts unter einer Zeltplane ruhte und sein wie auch immer ergattertes Mahl auf schweren mit sich gefuehrten rostigen Metallplatten erwaermte, konnte ich es mir leisten bei Hunger einzukehren und nachts in einem preiswerten Hotel zu schlafen. Aber seine Augen leuchteten (wie meine vermutlich). Einen Hang lang fuhren wir gemeinsam runter, dann ueberholte ich ihn. Dabei steckte ich ihm 100 Rubel (2 Euro 50) zu. “Fuer die Werkstatt. Sonst kommst du nie ans Ziel!”

Nach Wladimir, einer wegen ihrer alten Kloester zum Goldenen Ring (um Moskau) gehoerigen Stadt, bog ich von der Hauptstrasse ab. Der staendig an mir vorbeiziehende Autostrom, der Laerm, die gereizten Leute entlang der grossen Ost-West-Magistrale nervten. In dem direkt an der Strasse gelegenen Hotel “Paduschka” (Kissen) in Lakinsk klirrten die geschlossenen Fensterscheiben des nachts durch die vorbeifahrenden Laster dermassen, als fuehren sie durchs Zimmer.

Der Vorteil der relativen Ruhe und wirklich besseren Luft auf den kleineren Strassen noerdlich der Hauptroute rang etwa 200 km mit dem Nachteil des Umwegs und des schlechteren Strassenbelags, bevor ich bei Nishni Nowgorod wieder auf die Hauptstrasse bog. Er hatte mir zu meinem 2. Strasseninterview verholfen und in Palech die Bekanntschaft einer echt “russischen Seele” gebracht. Unter laendlich einfachen, aber sauberen Bedingungen betrieben Nadja und ihr Mann Alex nebenbei ein Gaestehaus, das alles bot: gemeinsames Essen von gerade selbst gebackenem Brot, Piroggen, mit eigener Butter, Marmelade und Selbstgebranntem. In der guten Stube prangte der teilweise in der Familie produzierte und ueber die Landesgrenzen hinaus bekannte Palechskij Rospisj – bei uns sind die mehrschichtig in diesem Stil lackbemalten Matrjoschkas bekannt, an den Schranktueren hingen noch der Zopf unddie Kostueme vom letzten Volksfest und geschlafen wurde auf dem grossflaechigen Ofen wie im russischen Maerchen. Hinter dem Haus, wo sanfte Tierhaltung (Huehner, Kaninchen) betrieben wurde und Alex gerade ein Gewaechshaus errichtet hatte, befand sich ein kleiner Teich, in dem ich am Morgen ein Bad nahm. Nadja bedauerte die in die reicheren Laender ausgewanderten Russen. Sie sei hier gluecklich. Dem war nichts hinzuzufuegen.

Wir sind wieder auf der huegeligen Trasse Nishni Nowgorod – Kasan; Cheboksara, die tschuwaschische Hauptstadt, liegt bereits hinter mir, die Anstiege wollen nicht enden. Dazu der Wind. Als ich gerade ein Foto mache, naehert sich mir eine Gruppe Radfahrer, allemit dem gleichen weiss-roten Shirt voller Aufdrucke. “Wir sind nicht die einzigen”, erzaehlen die Polen. “In Smolensk wurden wir 3 Tage aufgehalten, weil 23 Radfahrer im Konvoi nicht erlaubt sind.” Unter ihnen befanden sich 7 junge Frauen, die waehrend der Fahrt fotografierten oder sich umzogen. “Pausen gibt es nur alle 50 km, aufgestanden wird um 5, taeglich 200 km.” Ich schlackerte mit den Ohren. “Unser Leader ist ein Pope, der so was zum siebten Mal in Folge macht.” Die Polen waren in ihrer Heimat bekannt, ihre Website wurde von Tausenden verfolgt. Sie wollten in 2 Monaten nach Irkutsk kommen. – Auch wenn das Fahren im Konvoi leichter ist und die russischen Autofahrer “entschaerft”, so wollte ich doch nicht reisen. Von Land und Leuten bekommen sie so wenig mit, eben nur das, was sie vom Sattel aus aufnehmen koennen. Dennoch bin ich ihnen sehr dankbar, da ich es ohne ihre Hilfe nicht vor der Dunkelheit nach Kasan geshafft haette.

Zurück