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5. Etappe Kasan - Ufa

von Uwe Meißner

5. Etappe Kasan – Ufa

Die geographische Grenze Europas ist erreicht. 4000 km liegen hinter mir. Ich bin in Ufa, der Hauptstadt Baschkiriens. Meine linke Achillessehne schmerzt und ich bin bei Nikolai untergebracht, einem modernen, weltgewandten Russen, der bei “couchsurfing” registriert ist. Olga, die ueber die russische Wochenzeitung “Russkaja Germanija” fuer mich gewissermassen als Pressemanagerin arbeitet, hatte von Berlin aus ihre russischen Landsleute zur Unterstuetzung aufgerufen.

In Kasan dann die ersten Kontakte: junge, haeufig idealistisch denkende Leute, die ihre Wohnung zur Verfuegung stellen, mir ihren Wohnungsschluessel aushaendigen, mich tw. versorgen wollen, ihren PC zur Verfuegung stellen. Vielen Dank Jana, Sergej, Alex; in Nabereshnije Tschelny Lilija und Marat, natuerlich Dima, Asja, Max und Olga; jetzt Nikolai. Ohne sie und die anderen, deren Gastfreundschaft ich schon geniessen durfte und die, die hoffentlich noch folgen werden, sowie die, die diese Kontakte initiiert und ermoeglicht haben, waere es unendlich schwerer, voranzukommen.

Mit Sergej, einem prachtvoll bewanderten Programmierer, habe ich auf dem maerchenhaften Kremlgelaende mit seinen sichelfoermigen Turmspitzen Kaffee geschluerft. Waehrend den Einganggsturm ein Sowjetstern schmueckt, zeugen die Monde von der muslimischen Tradition der Tataren.

Doch ausser dem Kremlin und dem Baumannboulevard verfuegt die grossflaechige Millionenstadt Kasan ueber wenig architektonische Denkmaeler. Einen zentralen Marktplatz, um den herum die historischen Baudenkmaeler angeordnet sind, sucht man in vielen russischen Staedten vergebens. Kriege, die Sowjetmacht oder Feuersbruenste zerstoerten die haeufig aus Holz gebauten historischen Bauten, die aus finanziellen Gruenden nicht wiederhergestellt wurden.

Kasan scheint eine junge Stadt, die sich in diesem Jahr zur Universiade, einem sportlich-friedlichen Wettkampf der Weltjugend, ruestet. Aus diesem Anlass erfolgt die Ankuendigung der Folgestation in der von neu geschultem Personal polterig-aufmerksam bewachten Metro dreisprachig: tatarisch, russisch und englisch. You listen a never-ending story, wobei besonders die zu akkurate englische Aussprache zu schmunzeln veranlasst.

Bevor ich die Stadt verlasse, bittet mich ein bereister doch heimatverbundener junger  Mann mit gutem Job in der Gastronomieinspektion zu einem Treffen, im Gepaeck die Fragen seiner Freundin von der “Komsomolskaja Prawda”, die es nicht mehr rechtzeitig schafft, uns mit dem Fahrrad bis an den Rand der Stadt zu begleiten.

Auf dem Weg nach Tschelny, wie es die Einheimischen kurz nennen, ruft der ueber die Steppenlandschaft blasende  starke Gegenwind bei mir eine Ueberanstrengung der linken Achillessehne hervor. Ich merke es erst  am naechsten Tag so richtig. Da liegt der erste “Massenempfang” der Tour, die koestliche Bewirtung mit heissem Tee durch mehrere Dutzend Jugendliche auf dem zentralen Platz von Tschelny hinter mir. Anschliessend mit dem Kern der Truppe essen. Bei Lilia und Murat hervorragende Unterkunft. Wenn da bloss dieses Bein nicht waere. Mit Jurist und Tausendsassa Daniil, einem Freund Lilias, der viele Leute kennt, zum Chefarzt des Kinderkrankenhauses, von dort zum Traumatologen. Ueberall werden wir vorgelassen. “Wir moegen Auslaender”, erklaert Daniil. Der Traumatologe raet meine Hacke fuer eine Woche in Gips zu packen. Als meine Gesichtszuege entgleisen: “Es geht auch anders – Bandage, Alkoholkompressen und Voltaren. Wir werden sehen.” So hangele ich mich von Tag zu Tag, zum Schluss ist doch eine Woche rum. Ich habe den Gastgeber gewechselt, weil eine “Welt ohne Geld” (Lilias Leitmotiv, ihre foundation, die mit Gleichgesinnten den Austausch von Dienstleistungen via Internet popularisiert) doch nicht so einfach zu verwirklichen ist. Bei Dima, Asja und Co, in der “junge Arbeitskraefte-WG” ist es zwar nicht so komfortabel, dafuer unkompliziert. Ich schlafe mit dem Paerchen in einem Raum, zum Schnacken trifft man sich in der Kueche. Als ich an einem heissen Tag - die zoegerlich voranschreitende Genesung treibt mich immer wieder an die neu gelegte Naberesnaja, zum Strand der Kama, in der ich laengst gebadet habe – meinen Brustbeutel mit Geldkarte suche, nicht finde, die ersten Schritte nach Verlust meiner Geldquelle erwogen werden, der Brustbeutel  wieder da ist, liegen wir uns mit Dima vor Freude in den Armen, von dem einen Arm aus, der das Fahrrad in die Freude einschliesst, uebertraegt sich die ganze Last auf den Pletscher-Staender, der krachend nachgibt. Am naechsten Tag komplettiere ich mein Fahrrad mit einem Staender aus russischer Produktion, den Dima mit Rohrschelle verstaerkt. Wir wetten (ich dagegen, er dafuer) um ein deutsches Bier, dass der Staender bis Wladiwostok haelt.

Erst mal dahin kommen! Die Tataren tun alles, die Bedingungen dafuer zu schaffen. Nicht nur dass die Menschen hier irgendwie geschaeftiger wirken, die Autofahrer (wegen drastischer Strafmassnahmen) selbst an unmarkierten Fussgaengerueberwegen halten, wenig Schnapsleichen am Tag ins Auge fallen, das ganze Land, die Strassen sind voller Bautaetigkeit. Vielleicht deswegen wird Tatarstan als das Dubay Russlands bezeichnet.

Es geht voran, auch wenn Radek, ein Petersburger Motelverwalter auf dem Weg nach Ufa, einschraenkt und die tatarische Landbevoelkerung als faul bezeichnet, weswegen er die aermeren Usbeken auf dem Bau verpflichtet. “Sie sind nicht faul”, widerspricht seine Frau Maria, “sieh, wie fleissig sie ihre Landwirtschaft betreiben (die tatarischen Dorfhaeuser gelten als die best ausgestatteten im Land), sie haben es bloss nicht noetig; und Geld ausgeben auf dem Land lohnt sich nicht (ausser fuer Alkohol).”

Fotos zur Etappe wieder auf: traveldiary.de/reiseblogs/asien

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