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„Wladiwostok - Mit dem Fahrrad von Berlin bis ans östliche Ende der westlichen Welt“

Leseprobe

       Der 9. Mai war ein strahlender Tag. Die Menschen schwärmten, zum zweiten Mal in kurzer Zeit, mit roten Nelken aus. Dieses Mal, um die Helden der Vergangenheit zu ehren, die, frisch bronze-, silber-  oder goldfarben bemalt, als Statuen meinen Weg säumten. Man beging den „Tag des Sieges“ (über den Faschismus), niemand mußte arbeiten.Das Buch zur Tour Russland 2013

„Tag des Sieges“ – wie von Geisterhand trat der Wald, durch den ich fuhr, zurück und machte einer Lichtung Platz, in deren Mitte ein See mit Wiese und Ausflugsgaststätte lag. Menschen saßen davor und prosteten sich zu, nahmen Sakuska zu sich.

Das war die Gelegenheit anzubaden.

Ich bestellte etwas zu essen, setzte mich an einen der langen überdachten Holztische. Hinter mir saßen ein Mann und zwei Frauen, vermutlich seit längerem. Ihrem Gespräch, das häufig von lautem Lachen begleitet war, konnte man ohne zu lauschen folgen. Der Alkohol hatte die Zungen gelockert, die Seelen anfällig für Impulse gemacht.

Nun sieht der Russe nicht gern jemanden allein sitzen, schon gar nicht an einem solchen Tag. Ich wurde von dem Trio eingeladen, rutschte rüber, auf die Bank zu dem Mann, der mir gleich einen Wodka einschenkte.

„Sa pobjedu! – Auf den Sieg!“ Wir stießen an.

Bei den Russen ist das immer mit einem Toast verbunden, der reihum ausgesprochen wird und sich meist mit einem konkreten Anlaß verbindet. Wer eine Idee hat, gibt sie zum besten, und an der Lautstärke der aneinander klingenden Gläser kann man erkennen, ob der Einfall gut war.

„Auf meine Mutter! Auf alles Schöne! Auf eine freie Woche!“ Man konnte auf alles anstoßen und lieferte mit seinem Toast gleich neuen Gesprächsstoff.

Mir gefiel diese Angewohnheit, obwohl ich nicht viel trank und auch heute nicht vorhatte mich zu besaufen. Zumal nicht nach 65 km.

Die Drei waren vom Lande. Die harte, körperliche Arbeit hatte sie geprägt, und wenn sie einen Gedanken hatten, äußerten sie ihn, das hatte ich schon mitbekommen.

Und wie das bei den lauten Gefühlsmenschen so ist, da reichte eine ungewollte Gesprächswendung, ein unbedacht geäußertes Wort, und sie wechselten von fröhlich zu aggressiv oder traurig,  wurden plötzlich melancholisch.

„Scheiß drauf!“ Als ob Olga, die kräftige, kurzhaarige Frau mir gegenüber, ahnte, was mir durch den Kopf ging, forderte sie mich auf nachzugießen. Irgendetwas bedrückte sie, trotz der zur Schau gestellten Fröhlichkeit.

Plötzlich hatte sie Tränen in den Augen, berichtete von einer unglücklichen Liebe, ihrem Sohn, der bei der Mutter war und auf sie wartete.

„Aber nicht heute!“ Mit einer groben Geste wischte sie die Trauer weg, sah mir in die Augen.

„Ich würde mich gern einmal ausruhen, auf einem richtigen Bett, vorher duschen, mich richtig waschen. - Nicht wie diese beiden, die sich gerade wieder in einen Heuschober verdrücken!“ Ohne Ankündigung war das Pärchen aufgestanden und im Dickicht verschwunden.

Ob ich nicht beim Wirt ein Zimmer bestellen könne, ich hätte doch genug Geld.

Ich wurde stutzig, blieb aber sitzen und hörte ihr weiter zu, bis die Freundin wiederkam.

„Wo ist denn dein Mann?“

„Von wegen Mann!  - Der schläft.“

Dann wurde ich aufgeklärt. Auch sie hätte nicht das große Los gezogen. Wladimir, ihr großer, schlaksiger Begleiter mit dem kantigen Gesicht, den Riesenhänden, komme und gehe, wie es ihm gefalle. Ob sie ihn heute noch mal wiedersehe, sei ungewiß.

„Ach was heute, vielleicht sehe ich ihn drei Wochen nicht.“Das Buch zur Tour Russland 2013

Olga stieß mich an. Ob ich nun das Zimmer bestelle.

„Was?!“ Die Freundin hatte es mitbekommen.

„Und wo bleibe ich, wie komme ich nach Hause?“

„Das ist mir doch egal!“

Sie sprachen immer aus, was sie dachten. Allein, ich war unentschlossen. Und je länger sich das hinzog, umso schwieriger wurde es. Jetzt wollten sie wieder etwas trinken, ich sei an der Reihe.

Als ich zögerte: „Ah, tebje shalko? – Dir tut es ums Geld leid?“

Ich konnte gar nicht so schnell verneinen, wie das Gewitter losbrach. Und jeder, der die russische Sprache kennt, weiß, wie reich sie an Schimpfwörtern ist. Ich hörte sie noch (und es waren keine Wiederholungen), als ich längst außer Reichweite war, um auf dem Fahrrad meinen gewohnten Weg nach Osten fortzusetzen.